Deko_100_0593Autor: Michael Winkler

Nichts tun, einen Schritt zurücktreten, aus dem Weg gehen, loslassen, sein lassen, beobachten … diese Formulierungen sind schon regelrecht zu Plattitüden verkommen, so oft hat man sie aus den unterschiedlichsten Bereichen ganzheitlicher Arbeit zu hören bekommen. Aus den alten daoistischen Überlieferungen kennen wir den Begriff “wuwei”, und aus unserer Shiatsu-Schule die Bezeichnung “absichtsloses handeln”.

Doch wer hat dieses Prinzip tatsächlich verinnerlicht, und was bedeutet das überhaupt?

Ich denke, dass es sich bei “wuwei” und “Absichtslosigkeit” um ein und dasselbe Konzept handelt, welches jedoch nicht so einfach zu verstehen ist. Es geht nicht darum, nichts zu tun und faul im Sofa liegen zu bleiben. Ganz im Gegenteil geht es um einen sehr aktiven Zustand, von hoher Konzentration, und doch ist dieser Zustand gänzlich verschieden von unser gewöhnlichen Aktivität.

 

Urlaub von uns selbst machen

Wúwéi 无为 〔無為〕 oder Absichtslosigkeit hat sehr viel mit Hingabe und loslassen zu tun. Es ist ein Zustand frei von uns selbst, im Fluss mit den Dingen um uns herum, nicht ego-gesteuert, mühelos und dennoch sehr aktiv, aber eben nicht getrieben oder gezwungen.

Dieser Zustand lässt sich vielleicht am besten mit dem von kleinen Kindern vergleichen, wenn sie ungestört spielen können, ganz vertieft in die Sache, die sie gerade tun, frei von den Konzepten der Erwachsenen, dass dieses oder jenes jetzt diese oder jene Funktion haben muss, und auch frei von unseren übliche Wertungen. Ich meine das reine, unbelastete Spielen.

Musiker oder andere Künstler kennen diesen Zustand (hoffentlich …) aus ihrem Alltag: ein inneres Verlangen, die Dinge zu tun, die sie tun wollen. Die Liebe zur Kunst als die alleinige und allmächtige Triebkraft. Da braucht es keinen weiteren Grund, diese Liebe ist Grund und Inspiration genug, um solange wie auch nur irgend möglich in der entsprechenden Tätigkeit zu verweilen. Keine Disziplin nötig, um 6 oder mehr Stunden am Tag zu üben, es wird zu einem inneren Bedürfnis, ganz wie die natürlichsten Bedürfnisse wie die nach Luft und Nahrung. Und im gesunden Fall führen solche Tätigkeiten unmittelbar zur tiefen Zufriedenheit.
Natürlich ist mir bewusst, dass es z.B. gerade unter Musikern auch eine ganze Menge Leistungsdruck und Zwang gibt, doch über diese ungesunden Abwege möchte ich hier jetzt nicht schreiben – das wird bestimmt noch ein extra Artikel.

Wuwei, handeln aus sich selbst hinaus, und im daoistischen Kontext: handeln aus dem Dao, oder zumindest im Einklang mit dem Dao, dem großen Einem, dem unteilbaren und unbenennbaren. Was auch immer dieses Dao ist, es ist viel größer als wir selbst, und wir können es mit unserem begrenzten menschlichen Intellekt auf keinen Fall voll erfassen.
Also kann wuwei in diesem Sinne kaum unserem eigenen Intellekt, unserer eigenen Meinung oder dem Willen unseres begrenztem Egos entspringen.

 

Der praktische Nutzen

Vor allem in unserer modernen Gesellschaft, und vor allem bei uns in Deutschland, sind wir sehr stark darin, uns selbst zu erschöpfen. Wir arbeiten uns tendenziell kaputt, haben Existenzängste, kritisieren uns selbst am laufenden Band, sind Perfektionisten usw. usf.

Absichtslosigkeit kann nicht weniger sein als die Medizin schlechthin gegen diese Krankheit! Erinnern wir uns an die Leichtigkeit und Lebensfreude als kleine Kinder. Oder lasst uns unsere eigene Kinder heute einfach mal nur beobachten, die haben diese Qualität von Natur aus dabei. Dazu müssen wir sie aber auch lassen, und leider sehe ich auch hier dringenden Bedarf, viel mehr Raum zu schaffen. Nicht physischen Raum, sondern mentalen Raum: Erwachsene, gebt auch mal Ruhe, tretet innerlich einen Schritt zurück und beobachtet mal nur. Und bitte etwas länger als 2,5 Sekunden, ja?

Leider sind wir als Menschen auch sehr gut im selektivem Wahrnehmen, und in aller Regel können wir auch nur Dinge sehen, die wir bereits kennen. Meine Appell von gerade eben sind also nur von begrenztem Nutzen.

Wir brauchen:

 

Methoden der Horizonterweiterung

Für diejenigen unter euch, welche da bis jetzt noch überhaupt keinen Sinn drin sehen können aber dennoch neugierig sind, für euch lohnt es sich, sich eine Praxis auszusuchen, welche den Sinn für absichtsloses Handeln schult. Hier gibt es verschiedenste Möglichkeiten. In unserem Angebot haben wir folgende:

 

Zen-Shiatsu – eine ganzheitliche Behandlungsmethode aus Japan

– Meinen ersten wirklich deutlichen Zugang zu absichtslosem handeln bekam ich durch das letzte, dem Shiatsu. Hier wird das Prinzip auf einer technisch recht einfachen Ebene deutlich und klar erfahrbar. Man benutzt Körperpositionen, in denen z.B. Gewicht wirken kann, und in dem entscheidenden Moment nehmen wir unser aktives handeln komplett raus und beobachten und begleiten den Körper des Klienten. Geradezu gegenteilig zu der üblichen Art zu arbeiten. Es entstehen Situationen, in denen Dinge (hier Regulationen und Heilung im Menschen) geschehen können. Nicht wir machen diese Dinge, sondern wir gehen aus dem Weg, damit diese Dinge, welche im Einklang mit unserer waren Natur stehen, passieren können!

 

Chen Stil Taijiquan Practical Method  (Tai Chi Quan / Tai Chi)

Auch unsere Taijiquan Schule, “Chen Stil Taijiquan Practical Method”, zeigt sich die nicht-handelnde Komponente technisch sehr klar: wir wollen das übliche “dagegen kämpfen” transformieren und Energie so leiten, dass der angreifende Gegner am Ende nur gegen sich selbst kämpft. Auch hier müssen wir eine Situation schaffen, in der dieser Effekt dann auftreten kann. Dieser soll am Schluss nicht mehr von uns gemacht sein. Die wirklich harte Arbeit ist, die Voraussetzungen zu schaffen. Erst dann können wir durch “nicht handeln” etwas ausrichten. Mit einfach nur entspannen und mentalen, meditativen Vorstellungsübungen ist da nichts zu gewinnen.

Jedoch muss man sagen, dass Taijiquan als Ganzes zu verwirklichen ziemlich schwierig ist und die vollständige Erfahrung dieses Prinzips hier etwas auf sich warten lässt. Zumindest, wenn man sich auf einen authentischen Übungsweg begibt und etwas echtes schaffen und erleben möchte. Traumtänzereien und verschrobene esoterische Vorstellungen werden in diesem Bereich leider auch immer noch bestens bedient …

 

Qigong und Meditation

Einen weiteren Zugang erlebte ich mittels Qigong und Meditation. Für mich ist die Meditation eine ausschlaggebende Komponente des Qigong. Und auch hier ist mir eine klare Basis außerordentlich wichtig. Das bedeutet, dass wir als erstes lernen, wirklich nur zu beobachten. Wir müssen uns selbst dabei ertappen, wie wir alles schon gleich bei der Wahrnehmung interpretieren und analysieren, und wie wir oft auch sofort eine ganze Kette von Assoziationen und Schlussfolgerungen im Kopf haben. Dies alles ist längst nicht mehr beobachten. Wenn wir das erkennen, dann folgen die weiteren Schritte schon fast von selbst.
An dieser Stelle möchte ich für diejenigen, welche sich explizit für Meditation und spirituell-geistige Wege interessieren, gerne auch zwei Buddhistische Schulen empfehlen: 1. Die alte Theravada Tradition, in Berlin u.a. vertreten durch Wilfried Reuther, und 2. Dzogchen aus Tibet, das u.a. von Keith Downman in den Westen gebracht wurde.

 

Schlussplädoyer

Wer sich für Kampfkunst interessiert, ein physisches Training sucht und die Konfrontation mit sich selbst nicht scheut, der kann sich auch sehr eingeladen fühlen, in unserem Training von “Chen Taijiquan Practical Method” vorbei zu schauen.
Der größte Nutzen von unserem Training ist, einen sehr praktischen und handfesten Zugang zu diesen daoistischen Konzepten zu bekommen und so zu lernen, ganzheitlich mit und an sich selbst zu arbeiten.

Doch auch mit all den anderen guten Methoden wünsche ich die besten Erfolge, auf dass wir gemeinsam an diesem recht speziellen Strang ziehen können. Wie der Buddha auch schon sagte: die Lehre ist dem gewöhnlichen Leben geradezu entgegengesetzt, und wir brauchen Gemeinschaften und Solidarität, wenn wir die Lehre(n) in unser Leben tragen wollen.
Und in meinem Hinterkopf taucht jetzt auch noch ein schöner Gruß von Rio Reiser mit Ton Steine Scherben auf: “Allein, machen sie Dich ein, schmeißen sie Dich raus, lachen sie Dich aus. Und wenn was dagegen machst …” usw usf …. direkt nach dem Buddha … 😉

Bitte fühlt euch frei, die Kommentarfunktion hier auf der Webseite zu nutzen. Ich denke, dies ist ein Thema, was durchaus kontrovers betrachtet wird, und jede Diskussion darüber ist mir sehr willkommen.

Vielen Dank und alles liebe,
Eurer Micha

Absichtslosigkeit – Wuwei
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